„Hätte man ihr statt des Theaterdolches einen wirklichen in die Hand gedrückt - sie hätte ihn sich durch das Herz stoßen können.“ So beschrieb ein Zeitgenosse den tiefen Eindruck, den Charlotte Ackermann auf ihn machte. Sie „spielte“ nicht Theater, sie war die Person, die sie darstellte. Das Publikum, das bisher vor allem seichte Komödien und Klamauk erlebt hatte, zeigte sich tief beeindruckt. Wir befinden uns in der Zeit der großen Empfindungen und des großen Leidensgefühls.
Die am 23. August 1757 geborene Charlotte Ackermann gehörte einer Theaterfamilie an. Ihre Mutter Sophie Charlotte war Schauspielerin und hatte 1741 eine eigene Theatertruppe gegründet, mit der sie von Stadt zu Stadt zog. Sie hatte wenig Erfolg, weil das Publikum keine Schauspielkunst, sondern Unterhaltungsstücke schätzte. Nach dem Tod ihres ersten Mannes heiratete sie 1749 den Schauspieler Konrad Ernst Ackermann. Sie konnte 1755 in Königsberg ein eigenes Theater mit 800 Plätzen eröffnen, das erste große Privattheater in Deutschland und eine Bühne, die ernsthafte Schauspielkunst bot. Aber bald darauf brach der Siebenjährige Krieg aus und die „Ackermannsche Gesellschaft“ ging wieder auf Tournee, um den Kriegswirren zu entgehen.
1764 ließ die Truppe sich in Hamburg nieder. Hier erwarb Konrad Ernst Ackermann als erster Schauspieler in Deutschland den Bürgerbrief einer Stadt und konnte nun am Gänsemarkt ein Theater bauen, das Comödienhaus. Mochte der Bretterbau auch äußerlich eher an eine Scheune erinnern, so wurde hier doch Theatergeschichte geschrieben. Zum Ensemble gehörten bekannte Schauspieler wie Conrad Ekhof, der sich schon zu Lebzeiten den Ruf als „Vater der deutschen Schauspielkunst“ erwarb. Auch die Eltern Ackermann, die beiden Töchter Charlotte und Dorothea und der Sohn Friedrich Ludwig standen häufig auf der Bühne.
Ihre Familie erlebte alle Höhen und Tiefen des Theaterbetriebs. 1764 ging dem Theater das Geld aus, und Konrad Ernst Ackermann, ermüdet von Missgunst und Verleumdungen gegen sein Theater, verzichtete auf seine Position als Prinzipal. Er verpachtete das Haus an eine „Entreprise“, eine Aktiengesellschaft, die hier von 1867 an das Deutsche Nationaltheater betrieb. Die meisten Schauspieler der Ackermann-Truppe wurden übernommen, und als Dramaturgen gewann man Gotthold Ephraim Lessing. Hier erlebte dessen Komödie „Minna von Barnhelm“ die Uraufführung, leider ohne ein positives Echo von Seiten des Publikums.
Zwei Jahre später war die Theatergesellschaft pleite, und Konrad Ernst Ackermann leitete das Theater erneut in Eigenregie. Nach seinem Tod 1771 übernahmen Friedrich Ludwig Schröder, der Sohn von Sophie Charlotte Ackermann aus erster Ehe, und seine Mutter die Verantwortung für das Theater und machten es zu einer der angesehensten Bühnen Deutschlands. Viele heute berühmte Theaterstücke erlebten hier ihre Uraufführung, so auch Lessings Trauerspiel „Emilia Galotti“.
Zu den großen Erfolgen trug die Halbschwester des Theaterdirektors, Charlotte Ackermann, ganz wesentlich bei. Sie hatte schon als Vierjährige auf der Bühne gestanden, als Louison in Molières „Der eingebildete Kranke“. Es folgte Rolle auf Rolle, und bald stand sie sowohl als Schauspielerin als auch als Balletttänzerin auf der Bühne. Abend für Abend genoss sie die Begeisterung des Publikums, lebte für und im Theater.
Mochte auch die kirchliche Obrigkeit gegen das Theater wettern, Charlotte brachte für sich Konfirmandenunterricht und Schauspielerei mühelos in Einklang. Der spätere Bürgermeister Heise berichtete: „Ich habe sie oft getroffen, indem sie den Katechismus und ihre Rolle wechselseitig lernte, mich stumm begrüßte und fort memorierte, während sie hin und wieder ein Wort zu unseren Gesprächen gab, bis sie mich endlich mit vollem Ernst aufforderte, sie zu überhören und zwar erst den Katechismus und dann die Rolle.“
Innerhalb von nur vier Jahren musste Charlotte Ackermann 116 Rollen lernen, darunter so anspruchsvolle wie - mit 14 Jahren! - die Titelrolle in Lessings „Emilia Galotti“. Mit Siebzehn hatte sie bereits alles gespielt, was das Repertoire des 18. Jahrhunderts hergab: von der Naiven über die jugendliche Liebhaberin bis zu tragischen Rollen. Kein Wunder also, dass sie immer erschöpfter wirkte, doch ihre ehrgeizige Familie schickte sie jeden Abend auf die Bühne.
Ein Kritiker schrieb warnend: „Obgleich die gütige Natur sie mit außerordentlichen Kräften für ihre Jahre begabet hat, dieselben gleichwohl so sehr erschöpfet, daß man befürchten muß, sie werde nicht lange im Stande seyn, ihre Kunst zu treiben.“ Am Abend des 9. Mai 1775 musste der Spielplan kurzfristig geändert werden, die l7-jährige Hauptdarstellerin lag im Sterben. Am nächsten Tag verbreitete sich die Nachricht von ihrem Tod wie ein Lauffeuer in Hamburg. Bestürzung machte sich breit. Selbst an der Börse kamen die Geschäfte vorübergehend zum Erliegen.
Das Totenbett war mit Blumen überhäuft, die Zeitungen brachten Tag für Tag zahllose Trauergedichte. Das „Gesammelte Mitleiden beym Ableben“ der Schauspielerin füllte zwei Bände. Die wochenlange Trauer beunruhigte den Rat der Stadt schließlich. Er fürchtete, hieß es, die Stadt werde sich lächerlich machen und verbot deshalb weitere Veröffentlichungen zum Tod der Schauspielerin. Nicht verhindern konnte die Obrigkeit die große Anteilnahme bei der Beerdigung von Charlotte Ackermann: Als man ihren Sarg vom Theater zur Petrikirche trug, standen die Menschen dichtgedrängt und in Tränen aufgelöst.
Es entstand der Plan, für die geliebte Schauspielerin ein Denkmal zu errichten. Aber der Rat verhinderte auch das. Charlotte Ackermann sei schließlich „nur“ eine Schauspielerin gewesen. Dafür hatte Goethe ihr ein literarisches Denkmal gesetzt, die Aurelle in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. Neben Charlottes Sterbebett fand man ein Exemplar von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“. Das Leiden und die Empfindsamkeit einer ganzen Generation wurden von „Werther“ geprägt und in Hamburg auch von Charlotte Ackermann. Vor ihrem Tod bekannte Charlotte in einem Brief: „Ich darf in der ,Emilia Galotti' nicht oft spielen, zu gewaltsam wirket dieses Stück auf meine Empfindungen ... Ich habe den Gram der Emilia gefühlt, wie sie ihren Vater reizet, sie zu töten; ich habe den Dolchstich gefühlt, wie er nicht schmerzte, wie er Labsal in meinem bedrängten Herzen war.“
In Hamburg-Hoheluft erinnert die Ackermannstraße an den Theaterdirektor und Schauspieler Konrad Ernst Ackermann und inzwischen auch an seine beiden Töchter Dorothea und Charlotte.
Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte