Titelseite des Buches "Babylon - Mythos und Wirklichkeit"
Dieser Beitrag ist dem Buch "Babylon - Mythos und Wirklichkeit" von Frank Kürschner-Pelkmann entnommen, das im Steinmann Verlag, Rosengarten, erschienen ist. Das Buch ist im Buchhandel und beim Verlag erhältlich.

Das wunderbare Überleben im Feuerofen

 

König Nebukadnezar mochte Daniel mit Geschenken und Macht überhäuft haben, er blieb der Feind der jüdischen Menschen, zumal er im dritten Kapital dieses biblischen Buches seine Hinwendung zum jüdischen Gott offenbar schon wieder vergessen hatte. Nun wird berichtet, dass der König ein großes goldenes Bild herstellen und es in der babylonischen Ebene Dura aufrichten ließ. Dass dieses Bild in der Erzählung sechzig Ellen lang und sechs Ellen breit war, nimmt die mathematischen Berechnungen der Babylonier auf, in denen die Zahlen 6 und 60 eine zentrale Bedeutung besaßen. Nebukadnezar versammelte alle Mächtigen seines Reiches, um zusammen mit ihnen das Bild zu weihen.

 

Ein Herold des Königs, lesen wir in der Geschichte, verkündete überall im Land: „Es wird euch befohlen, ihr Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen: Wenn ihr hören werdet den Schall der Posaunen, Trompeten, Harfen, Zithern, Flöten, Lauten und aller andern Instrumente, dann sollt ihr niederfallen und das goldene Bild anbeten, das der König Nebukadnezar hat aufrichten lassen. Wer aber dann nicht niederfällt und anbetet, der soll sofort in den glühenden Ofen geworfen werden“ (Daniel 3,4-6). Es sei angemerkt, dass hier auch Musikinstrumente erschallen, die aus der griechischen Zeit stammen, aber im Babylon Nebukadnezars noch unbekannt waren.[1]

 

Angelockt vom Schall der Instrumente kamen die Angehörigen der Völker des babylonischen Reiches zusammen und fielen vor dem goldenen Bild nieder. Aber es blieb nicht unbemerkt, dass die Juden fehlten. Das wurde umgehend dem König gemeldet, wobei die drei engen Freunde Daniels, also Schadrach, Meschach und Abed-Nego, namentlich genannt wurden.

 

Der zornige Nebukadnezar ließ sie vor sich bringen und fragte sie, ob sie seinen Gott nicht ehren und das goldene Bild anbeten wollten. Noch einmal sollten die Instrumente erklingen, und wenn die Drei dann nicht vor dem Bild niederfallen und beten würden, sollten sie in den glühenden Ofen geworfen werden. Nebukadnezar fügte hinzu: „Lasst sehen, wer der Gott ist, der euch aus meiner Hand erretten könnte!“ (Daniel 3,15). Die drei jungen Juden ließen sich von ihrem Bekenntnis zu dem einen Gott nicht abbringen und waren deshalb nicht bereit, vor dem goldenen Götzenbild niederzufallen. Sie antworteten dem König, dass der Gott, den sie verehrten, sie aus dem glühenden Ofen erretten könnte, wenn er dies wollte.

 

Voller Grimm befahl der König, den Ofen siebenmal heißer als üblich anzuheizen, die drei Juden zu binden und sie danach in den glühenden Ofen zu werfen. Das Feuer wurde so sehr geschürt, dass die Männer, die die Drei in das Feuer warfen, selbst von den Flammen getötet wurden. „Aber die drei Männer, Schadrach, Meschach und Abed-Nego, fielen hinab in den glühenden Ofen, gebunden wie sie waren“ (Daniel 3,23).

 

Nebukadnezar war entsetzt, als er nun vier Männer frei im Feuer umhergehen sah und zu erkennen meinte, der vierte sehe aus wie ein Sohn der Götter. Der König forderte die Männer auf, aus dem Feuer zu kommen, und musste feststellen, dass die Flammen weder ihnen noch ihrer Kleidung etwas zugefügt hatten. Daraufhin sprach Nebukadnezar: „Gelobt sei der Gott Schadrachs, Meschachs und Abed-Negos, der seinen Engel gesandt und seine Knechte errettet hat, die ihm vertraut und des Königs Gebot nicht gehalten haben, sondern ihren Leib preisgaben; denn sie wollten keinen andern Gott verehren und anbeten als allein ihren Gott!“ (Daniel 3,28). Und er fügte hinzu: „So sei nun dies mein Gebot: Wer unter allen Völkern und Leuten aus so vielen verschiedenen Sprachen den Gott Schadrachs, Meschachs und Abed-Negos lästert, der soll in Stücke gehauen und sein Haus zu einem Schutthaufen gemacht werden. Denn es gibt keinen andern Gott als den, der so erretten kann“ (Daniel 3,29).

 

Der König gab den drei Männern einflussreiche Positionen in seinem Reich und verkündete allen Völkern: „Viel Friede zuvor! Es gefällt mir, die Zeichen und Wunder zu verkünden, die Gott der Höchste an mir getan hat. Denn seine Zeichen sind groß, und seine Wunder sind mächtig, und sein Reich ist ein ewiges Reich, und seine Herrschaft währet für und für“ (Daniel 3,31-33).

 

König Nebukadnezar erscheint hier – bis auf die Schlussszene – wieder einmal in denkbar schlechtem Licht, aber es spricht viel dafür, dass es in dieser Geschichte nicht primär um ihn ging, sondern dass er stellvertretend die Rolle des Bösewichtes zu spielen hatte. Als die Geschichten des Daniel-Buches im 2. Jh. v. Chr. aufgeschrieben wurden, wollten der Verfasser oder die Verfasser den jüdischen Zuhörerinnen und Zuhörern Mut machen zum Widerstand gegen hellenistische Herrscher, die Anpassung forderten und Zuwiderhandeln hart bestraften. Fromme Juden standen vor der Frage, wie sie auch unter massivem äußeren Druck ihrem Glauben treu bleiben konnten. Die Daniel-Geschichte war geeignet, ihre Bereitschaft zu Widerstand und notfalls zum Martyrium im Namen des einen, mächtigen Gottes zu stärken.

 

Eine fromme Legende

 

Heute besteht in der Theologie weitgehend Einigkeit darüber, dass dies eine fromme Legende ist. Aber wie wird sie den Gläubigen vermittelt? Eine Radioandacht, die am 5. März 2013 vom „Saarländischen Rundfunk“ ausgestrahlt wurde, hatte den Titel „Stalin und Nebukadnezar“. Darin wird anlässlich seines 60. Todestages das Leben von Josef Stalin kurz skizziert. Dann heißt es: „Ein bisschen erinnert mich diese wahre Geschichte an die biblische Erzählung von König Nebukadnezar (Daniel Kap. 1-4).“

 

Das Wort „Erzählung“ kann andeuten, dass es sich nicht um eine historisch stattgefundene Geschichte handelt. Ob das bei den Hörerinnen und Hörern so angekommen ist, muss offen bleiben, zumal in der weiteren Darstellung von dem legendarischen Charakter des Geschehens nichts mehr vorkommt, auch nicht bei der Erwähnung der Geschichte vom Feuerofen. Es scheint in jedem Fall problematisch, eine reale historische Person, Josef Stalin, mit dem König einer biblischen Legende in Beziehung zu setzen. Dies um so mehr, wenn es diesen König Nebukadnezar in der Geschichte Babyloniens tatsächlich gegeben hat, der nichts mit dem König in der Daniel-Geschichte gemein hat.

 

Nebukadnezar II. war der bedeutendste König in der Geschichte jenes Landes, aus dem im 20. Jahrhundert der Irak geworden ist. Sehr wahrscheinlich war dieser König nicht despotischer und auch nicht edler als andere bedeutende Könige der Geschichte. Ob er mehr mit Josef Stalin gemeinsam hatte als zum Beispiel König Herodes, müsste erst einmal gründlich untersucht werden.

 

Wenn wir Anliegen wie Achtung und Respekt ernst nehmen, müssen wir sensibel mit den Menschen umgehen, die als „Fremdvölker“ in die biblischen Texte eingegangen sind. Deren Darstellung in biblischen Texten ist oft weder respektvoll noch historisch zutreffend. Viele heutige Archäologen und Altorientalisten sehen es als eine ihrer wichtigsten Aufgaben an, dem irakischen Volk in dem schwierigen Prozess der Nationenbildung zur Seite zu stehen. Sie wollen den Irakern ihre in vieler Hinsicht beeindruckende Historie in Erinnerung rufen und mit ihrer Forschung ein besseres Verständnis dieser Geschichte fördern. Christinnen und Christen haben allen Anlass, diesen Prozess ihrerseits zu unterstützen, statt zum Beispiel dem bedeutendsten König der Geschichte dieses Landes mit einem der brutalsten Despoten des 20. Jahrhunderts auf eine Stufe zu stellen.

 

Zumindest sollten dann so viel Zeit und Sensibilität vorhanden sein, um unmissverständlich deutlich zu machen, dass der historische Nebukadnezar nichts mit dem Nebukadnezar gemein hat, der in den Daniel-Geschichten dargestellt wird. Selbst dann hätte ich noch große Zweifel, ob sich die Daniel-Geschichten mit ihrem Zerrbild von König Nebukadnezar für einen Vergleich mit heutigen Despoten eignen. Das historische Babylonien war in jedem Fall komplexer, als Schwarz-Weiß-Darstellungen dies erkennen lassen – und die heutige Welt ist es auch.

 

 

© Steinmann Verlag, Rosengarten

Autor: Frank Kürschner-Pelkmann

 



[1] Vgl. Matthias Albani: Daniel, a. a. O., S. 89.