Titelseite des Buches "Babylon - Mythos und Wirklichkeit"
Dieser Beitrag ist dem Buch "Babylon - Mythos und Wirklichkeit" von Frank Kürschner-Pelkmann entnommen, das im Steinmann Verlag, Rosengarten, erschienen ist. Das Buch ist im Buchhandel und beim Verlag erhältlich.

Die Welt der Zahlen und Sterne – das Wissenschaftszentrum

Babylon

 

Viele Jahrhunderte lang war Babylon das unbestrittene Wissenschaftszentrum in der Weltregion zwischen dem heutigen Iran und Ägypten. Eine wichtige Grundlage dafür bildete, dass man alle verfügbaren menschlichen Erkenntnisse und Einsichten auf Keilschrifttafeln niederschrieb und in zahlreichen Bibliotheken der Könige, der Tempel und auch von Privatpersonen sammelte und bewahrte. Es gab in den Bibliotheken umfangreiche Tafelsammlungen, die die Namen von Gewässern, Städten, Sternen etc. auflisteten. Ebenso wurden religiöse Überzeugungen, Mythen, Epen, Lieder und Zaubersprüche aufgeschrieben. Dadurch, dass die Keilschrifttafeln immer wieder kopiert und weitergegeben wurden, verbreiteten sich das Wissen und die Erkenntnisse der babylonischen Gelehrten in der gesamten Region des heutigen Mittleren Ostens.

 

Pionierarbeit leisteten die Babylonier auf mathematischem Gebiet. Selbst die indische Mathematik wurde von Babylon beeinflusst. Aber die babylonischen Mathematiker leiteten aus ihren Erkenntnissen anders als später ihre griechischen „Erben“ keine Gesetze ab. Die Folge ist, dass der „Satz des Pythagoras“ (a² + b² = c²) hierzulande einen festen Platz im Mathematikunterricht hat und als Beispiel für die Klugheit der alten Griechen gilt. Kaum jemand weiß noch, dass schon die babylonischen Schulkinder die zugrunde liegende Lösung dieses mathematischen Problems büffeln mussten. Gerechnet wurde in Babylon nicht wie heute mit dem Dezimalsystem, sondern mit dem Sexagesimalsystem. Die Zahlen 6 und 60 bildeten die Grundlage aller babylonischen Mathematik. Selbst mit 30-stelligen Zahlen wurde damals schon jongliert.

 

Der dankbare Blick zurück

 

Die Babylonier unterschieden nicht zwischen „reiner“ Wissenschaft und religiösem Glauben. Das wäre ihnen auch unsinnig erschienen, waren sie doch überzeugt, dass alles Wissen auf der Welt den Menschen am Anfang der Geschichte von den Göttern offenbart worden war, besonders von Enki, dem Gott der Weisheit und Gelehrsamkeit. Die Menschen hatten das gesamte Wissen also bereits einmal besessen, nur war es ihnen im Laufe der Zeit zum Teil wieder verloren gegangen. Bei der Suche nach Erkenntnis blickte man daher nicht primär nach vorn, sondern eher zurück in die Geschichte. Es konnte bei diesem Weltverständnis keine wissenschaftlichen „Entdecker“, sondern nur „Wiederentdecker“ geben.

 

Der Altorientalist Stefan M. Maul erläutert: „Sämtliche kulturellen Errungenschaften, auch die neuesten der Gegenwart, seien es die Fertigkeiten und Techniken der Baukunst, die Kunst der Schreiber, Goldschmiede und Schreiner sowie alle weiteren Technologien, galten ihnen als Offenbarungen der Götter, die diese den Menschen zum Anbeginn der Zeiten geschenkt hatten … Das Wirken der Gelehrten bestand in diesem Selbstverständnis darin, jeweils in ihrer Zeit das offenbarte Wissen zu durchdringen, zu bewahren und zum Wohle der Welt anzuwenden.“[1] Die göttlichen Offenbarungen waren während der großen Flut zum Teil verloren gegangen, aber am ehesten noch in frühen sumerischen und akkadischen Texten zu finden. Dieses Wissen war nicht „veraltet“, sondern die alten Keilschrifttafeln führten, so waren die babylonischen Gelehrten überzeugt, zum ursprünglichen Wissen und zu den Quellen der Weisheit zurück.

 

Weder ein Pythagoras noch ein Prometheus hätten in dieser Gesellschaft reüssieren können. Die babylonische Wissenskultur unterschied sich grundlegend von der griechischen und unserer heutigen Wissenschaft. Wir dürfen den babylonischen Gelehrten kein mangelndes Abstraktionsvermögen unterstellen, weil sie zum Beispiel keine mathematischen oder naturwissenschaftlichen Gesetze formuliert haben wie die Griechen, sondern sie waren bestrebt, das „Geheimnis der großen Götter“ zu bewahren. Dazu noch einmal Stefan M. Maul: „Wir sollten darüber nachdenken, ob den Gelehrten Mesopotamiens das Formulieren von Lehrsätzen nicht als ein letztlich schädliches Banalisieren des eigentlich Unaussprechlichen erschienen ist.“[2]

 

Sterne weisen den Weg

 

Menschen, die heute Horoskopen vertrauen, halten damit eine Tradition der Babylonier am Leben. Schon in einer frühen Phase der Entstehung der mesopotamischen Religionen identifizierten die Menschen bestimmte Götter mit jenen Himmelskörpern, die mit bloßem Auge zu erkennen waren. Dazu zählten vor allem Sonne, Mond, Venus, Merkur, Mars und Jupiter. Auch die Sternbilder wie Waage und Skorpion sind von Babylon zuerst benannt worden und über Griechenland zu uns gelangt.

 

Die Babylonier glaubten fest daran, dass die Götter durch die Konstellation der Sterne mit uns kommunizieren. Dieser Glaube an die Botschaften der Sterne ist bis hin zur modernen Astrologie lebendig geblieben. Auch berühmte Astronomen wie Johannes Keppler und Tycho Brahe betätigten sich als Astrologen. Und einer der „Väter“ der Reformation, der Theologe Philipp Melanchthon, war überzeugt von der Macht der Sterne und übersetzte sogar ein astrologisches Werk ins Deutsche.

 

Da die Babylonier an einen direkten Zusammenhang von Sternkonstellationen und dem Geschehen auf der Erde glaubten, beschäftigten sie sich intensiv mit dem Lauf der Planeten und notierten Jahrhunderte lang akribisch alle Sternbewegungen und   -konstellationen auf zahllosen Keilschrifttafeln. So wurde es ihnen möglich, periodisch auftretende astronomische Konstellationen zu erkennen und vorherzusagen. Für die babylonische Astronomie war es unverzichtbar, den Tag und das Jahr in Zeiteinheiten zu unterteilen. Ihre Aufteilung des Tages in 24 Stunden von je 60 Minuten und je 60 Sekunden hat sich heute weltweit durchgesetzt. Diese Aufteilung erinnert immer noch daran, dass die Zahl 60 im Zentrum der babylonischen Mathematik stand. Gemessen wurden die Stunden mit Sonnen- und Wasseruhren.[3]

 

Die Festlegung von Zeit- und Kalenderregelungen hatte auch große Bedeutung für die Wirtschaft und Verwaltung des babylonischen Reiches. Ein solches Reich wäre kaum zu verwalten gewesen, ohne planen zu können, zu welcher Stunde eine Versammlung stattfinden sollte oder an welchem Tag bestimmte Güter beim Tempel abzuliefern waren.

 

Die Fähigkeit, Zeit zu messen und Termine zu planen, hatte auch für das religiöse Leben eine große Bedeutung. Es war nun möglich, exakt festzulegen und einzuhalten, wann welche Kulthandlung ausgeführt werden sollte. Die Tempel waren die Zentren der Sternenbeobachtung und Zeiterfassung, und möglicherweise hat sich ein astronomischer Beobachtungspunkt auf dem berühmten Turm von Babylon befunden.

 

Als schwer lösbares Problem erwies sich zunächst, wie die Differenz zwischen Mond- und Sonnenjahr in den Kalendern berücksichtigt werden konnte. Beide Himmelskörper besaßen besondere Bedeutung in der babylonischen Religion und damit auch für die Festlegung des Zeitpunktes religiöser Zeremonien. Die babylonischen Gelehrten entschieden sich dafür, alle 19 Jahre einen Schaltmonat einzufügen, eine Kalenderregelung, die von den Juden in der Zeit ihres Exils in Babylon übernommen wurde.

 

Besonders wichtig war für die Astronomen die Vorhersage von Sonnenfinsternissen. Dies waren Zeiten großer Verunsicherung und potenzieller Gefahren, auf die man vorbereitet sein musste. Auch diese Berechnungen gelangen den babylonischen Astronomen zuverlässig. Von Königen wurden die Sternkundigen immer wieder hinzugezogen, wenn es galt, wichtige politische Entscheidungen zu treffen. Die Könige wollten erfahren, ob die Götter, erkennbar an den Sternen, den Erfolg eines Vorhabens ermöglichen würden.

 

Die intensiven Beobachtungen und ausführlichen astronomischen Tagebücher wurden in Babylonien bis ins 1. Jh. n. Chr. fortgeführt. Sie endeten erst, als die Keilschrift nicht länger verwendet wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatten die griechischen Astronomen längst ihre babylonischen Kollegen „überrundet“, aber es ist nachweisbar, dass sie auf vielen Erkenntnissen aus Babylon aufgebaut haben. Erkennbar ist dies zum Beispiel daran, dass die Griechen die Einteilung des Kreises in 360 Grad    übernahmen. Die Beobachtungen und Beschreibungen der babylonischen Astronomen bildeten die Grundlage dafür, dass griechische Gelehrte grundlegende Gesetze der Astronomie formulieren konnten. Auch die griechische Astrologie profitierte von babylonischen Beobachtungen und Texten, besonders sichtbar durch die Übernahme der zwölf Tierkreiszeichen.

 

Sonne, Mond und Sterne … lange Zeit unverzichtbar für den Glauben

 

Die Israeliten teilten zunächst den Glauben ihrer Nachbarvölker an den göttlichen Charakter von Sonne, Mond und anderen Gestirnen. Neuere theologische und historische Forschungen zeigen, wie wenig es gerechtfertigt wäre, den jüdischen Glauben und die Verehrung von Göttern, die mit Gestirnen in Verbindung gebracht wurden, diametral gegenüberzustellen. Silvia Schroer, Professorin für Altes Testament und Biblische Umwelt an der Universität Bern, kommt zum Ergebnis: „Tatsächlich gerieten die religiösen Vorstellungen zwischen dem 9. und 7. Jh. vC nach Ausweis ikonographischer Zeugnisse aus Palästina/Israel nacheinander in den Sog gewaltiger  Solarisierungs-, Astralisierungs- und Lunarisierungswellen des ganzen Alten Orients. Dass der JHWH-Kult in Jerusalem anhaltend stark von vorderasiatischen wie von    ägyptischen Sonnentheologien geprägt wurde, ist inzwischen communis opinio … Einen starken Aufschwung erlebten die Kulte der nächtlichen Gestirne durch den assyrisch-aramäischen Kulturdruck auf Palästina/Israel im 8./7. Jh. vC.“[4]

 

Silvia Schroer diagnostiziert, dass der jüdische Monotheismus eine „enorme Flexibilität und Integrationskraft“ gegenüber der Verehrung der Gestirne bewiesen hat. Zu beachten ist dabei: „Die Gestirne am Tag- und Nachthimmel stellten die Praxis einer exklusiven JHWH-Verehrung allerdings bis weit in die nachexilische Zeit auch auf eine permanente, harte und letztlich nicht zu gewinnende Probe. Denn die Gestirne waren jederzeit allen sichtbar und ihre Verehrung war nicht an Kultbilder oder Kultgebäude gebunden.“[5] Noch für die Spätantike, erfahren wir von Dr. Reimund Leicht von der Hebräischen Universität in Jerusalem, weisen archäologische Belege und  andere Quellen darauf hin, „wie populär astrologische Literatur und Motive waren. Astrologisches Denken verschmolz mit traditionellen Vorstellungen des Judentums, sodass es zu einem zentralen Teil des Judentums werden konnte“.[6]

 

Ich halte es für durchaus möglich, dass die scharfe Abgrenzung von der Verehrung der babylonischen Götter auch dem Ziel diente, die jüdische Bevölkerung von dem Glauben an höhere Wesen abzubringen, die mit Himmelskörpern identifiziert wurden. In jedem Fall gebot ein strenger Monotheismus es, dem jüdischen Gott und nicht etwa dem babylonischen Gott Marduk zum Lenker des Sternenlaufes zu erklären. Der Glaube daran, dass der eigene Gott diese Macht besitzt, hat das Vertrauen in diesen Gott und sein Wirken gefestigt. Hierzu noch einmal Silvia Schroer: „Der Blick zu den Sternen konnte in Zeiten geschichsbedingter Enttäuschungen und sozialer Krisen, wie im Exil oder nach der Rückkehr aus dem Exil, eine kosmische Beständigkeit und Dauer vermitteln, die das Vertrauen in den Gott, der diese Ordnungen geschaffen hatte, stärkte und erneuerte.“[7]

  

Die babylonische Medizin war „ganzheitlich“

 

Die babylonische Medizin erreichte ein hohes Niveau, unterschied sich aber grundlegend von unserer heutigen naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizin. Die babylonischen Heilkundigen besaßen große Erfahrungen bei der Diagnose von Krankheiten und untersuchten dafür zum Beispiel auch Stuhl und Urin. Intensiv beschäftigte man sich mit den Ursachen für die Verbreitung ansteckender Krankheiten. Zur Therapie nutzten die babylonischen Ärzte eine große Zahl von Heilpflanzen.

 

Für einfache chirurgische Eingriffe standen feinste Instrumente zur Verfügung. Sie wurden aber nur relativ selten eingesetzt, weil die anatomischen Kenntnisse sehr begrenzt waren und die Risiken von Operationen als hoch eingeschätzt wurden. Unlösbar verknüpft mit den nach unserem Verständnis ärztlichen Tätigkeiten waren magische Rituale, die das gestörte Verhältnis des Erkrankten zu einer Gottheit wiederherstellen sollten.

 

Sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie kam den babylonischen Ärzten die umfangreiche und systematische Erfassung von Beobachtungen und Erfahrungen zugute. Alle Aspekte der Diagnose, der Behandlung mit mehreren Hundert Heilpflanzen und der Versöhnung mit den Göttern waren auf einer großen Zahl von Keilschrifttafeln nachzulesen. Einzelbeobachtungen konnten auf Zufällen beruhen, aber wenn zum Beispiel eine größere Anzahl von Patienten nach der Behandlung mit einer bestimmten Heilpflanze gesund geworden waren, erschien es plausibel, anzunehmen, dass diese Heilpflanze bei der betreffenden Krankheit tatsächlich eine heilende Wirkung ausübte. Das war eine Methode zur Erlangung von medizinischen Erkenntnissen, die der damaligen Zeit durchaus angemessen erschien.

 

Auch andere Völker gingen so vor, aber die Babylonier waren dank der Keilschrift und ihrer „Sammelleidenschaft“ in der Lage, erstmals die Wirkung von Salben und Pulvern zu dokumentieren und umfangreiche Übersichten anzulegen, was bei einzelnen Krankheiten verwendet werden sollte. Das war – würde man heute wohl sagen – ein Quantensprung in der Medizin.

 

Die Diagnostik und die Behandlungen würde man heutzutage vielleicht „ganzheitlich“ nennen, weil die Heilkundigen sich auch mit den Sorgen und Nöten des Erkrankten ausführlich beschäftigten und den Zusammenhang von körperlicher Erkrankung, seelischem Leid, gestörten sozialen Beziehungen und gestörten Beziehungen zu den Göttern als Folge eigenen Fehlverhaltens zu ergründen suchten. Auch den Einfluss der Dämonen galt es zu erkennen.

 

Die Patienten vertrauten Heilkundigen, die sich mit Heilpflanzen ebenso auskannten wie mit der Wiederherstellung guter Beziehungen zu den Göttern. Oft besuchte ein Heilkundiger, den wir nach heutigen Maßstäben vielleicht als Arzt bezeichnen würden, zusammen mit einem Experten für die Störungen zwischenmenschlicher und religiöser Beziehungen einen Kranken. Eine strikte Arbeitsteilung gab es in der babylonischen Medizin aber nicht. Die Wirkungen von Heilkräutern und von göttlichem Beistand ließen sich für Babylonier nicht trennen. Die Altorientalistin Professorin Eva Cancik-Kirschbaum warnt: „Allzu leicht tut man Maßnahmen wie Gebete und umfangreiche Heilungsrituale am Bett des Kranken als naiv-primitive Magie ab. In der Tat mag die Wirksamkeit dieser Maßnahmen im Kontext konventionell-naturwissenschaftlicher Methodik nicht überzeugen. Andererseits lässt sich kaum leugnen, dass sie als akzeptierte Bestandteile eines Weltbildes ihre eigene Dynamik (positiv wie negativ) entwickeln und somit durchaus Genesungsprozesse stimulieren konnten.“[8]

 

Christinnen und Christen, die auf die Wirkungen ihrer Gebete beim Heilungsprozess von Mitmenschen vertrauen, sollten zögern, das Beten für Kranke in anderen Religionen als „naiv-primitive Magie“ zu verurteilen. In jedem Fall ist manches an der babylonischen Medizin durchaus vorbildlich, lesen wir doch in einem Beitrag des    Assyrologen Nils P. Heeßel: „Für den babylonischen Heilkundigen stand niemals die Krankheit, sondern immer der erkrankte Mensch im Mittelpunkt der Behandlung.“[9]

 

Erwähnenswert ist noch, dass die Höhe der Honorare des Arztes sozial gestaffelt war. Die Armen mussten also sehr viel weniger zahlen als die Wohlhabenden und Reichen – eine „Kopfpauschale“ gab es in der antiken Stadt nicht. Bei ärztlichen Kunstfehlern war die Entschädigung dann allerdings auch je nach sozialem und      ökonomischem Status unterschiedlich hoch. Drastische Strafen – wie das Abhacken einer Hand des Arztes – wurden verhängt, wenn der Patient bei einem Behandlungsfehler starb. Aber der bereits zitierte Assyrologe Nils P. Heeßel hat Hinweise darauf gefunden, dass diese drakonische Strafe nicht angewendet wurde.

 

Die babylonische Wissenschaft im Spiegel der Bibel

 

Den Juden im Exil waren die astronomischen Berechnungen und andere wissenschaftliche Leistungen der Babylonier bekannt, und sie haben einiges davon übernommen. Das hat einen Schreiber des Jesaja-Buches nicht daran gehindert, herablassend über die „Jungfrau von Babylon“ zu schreiben: „Du hast dich müde gemacht mit der Menge deiner Pläne. Es sollen hertreten und dir helfen die Meister des Himmelslaufs und die Sterngucker, die an jedem Neumond kundtun, was über dich kommen werde! Siehe, sie sind wie Stoppeln, die das Feuer verbrennt, sie können ihr Leben nicht erretten vor der Flamme Gewalt. Denn es wird nicht eine Glut sein, an der man sich wärmen, oder ein Feuer, um das man sitzen könnte“ (Jesaja 47,13-14). Diese Sätze können als Vertrauen in die überlegenen Kräfte des eigenen Gottes gegenüber den astronomischen Bemühungen der Babylonier gedeutet werden. Ob auch Missgunst gegenüber dem überlegenen „Wissenschaftsbetrieb“ eines anderen Volkes eine Rolle spielte, muss offen bleiben.

 

Im Neuen Testament finden wir noch eine Spur der babylonischen Gelehrsamkeit. In der Geburtsgeschichte Jesu im Matthäusevangelium werden drei Magier oder Weise aus dem Morgenland erwähnt, die einem Stern folgen und über den Umweg des Königspalastes in Jerusalem zum Stall in Bethlehem gelangen. Kamen sie aus Babylon? Wir wissen es nicht, und da diese Geburtsgeschichte eine Legende ist, werden wir es auch nie erfahren.

 

© Steinmann Verlag, Rosengarten

Autor: Frank Kürschner-Pelkmann

 

 



[1] Stefan M. Maul: Das Band zwischen allen Dingen – Wissenskultur und Weltbild im Alten  Orient, in: H. Gebhardt/H. Kiesel (Hrsg): Weltbilder, Heidelberger Jahrbücher 47, Heidelberg 2003, S, 100.

[2] Ebenda, S. 103.

[3] Vgl. zu diesem Abschnitt des Buches: Mathieu Ossendrijver: Astronomie und Astrologie in Babylonien, in: Babylon Wahrheit, a. a. O., S. 373ff.

[4] Silvia Schroer: Die Nachtgestirne in den biblischen Texten, in: Welt und Umwelt der Bibel, 4/2014, S. 11.

[5] Ebenda.

[6] Reimund Leicht: Wie kommt der Zodiak in die Synagogen?, in: Welt und Umwelt der Bibel, 4/2014, S. 39.

[7] Silvia Schroer: Die Nachtgestirne in den biblischen Texten, a. a. O., S. 12.

[8] Eva Cancik-Kirschbaum: Auf der Suche nach Erkenntnis, in: Damals, 7/2008, S. 39.

[9] Nils P. Heeßler: Babylonische Wissenschaft – Medizin und Magie, in: Babylon Wahrheit, a. a. O., S. 420.