Cover des Buches "Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte"
Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte, 1016 Seiten, ISBN 978-3-384-05017-5 38 Euro

Einladung zu einer Lesereise

Es gibt viele Komplimente für die Stadt an Elbe und Alster, eines der schönsten stammt von der Schauspielerin und Intendantin der Hamburger Kammerspiele Ida Ehre, und deshalb soll sie als Erste in diesem Buch zu Wort kommen: „Hamburg ist unbeschreiblich schön, mit einem Flair wie kaum eine andere Stadt. Ich kenne viele Städte, auch herrliche Städte, aber leben möchte ich nur in Hamburg. Wenn man die Elbe entlanggeht, der Nebel zieht langsam auf, alles wird leicht bläulich in der Luft, hier und da scheint ein Licht, es riecht nach Wasser, die Weite umfängt einen - es ist eine Großstadt und wirkt doch nicht wie eine Großstadt, das ist das Tolle an Hamburg.“

Die Liebe zu dieser Stadt zieht sich wie ein roter Faden durch viele Porträts dieses Buches. Es war oft keine ungetrübte Liebe, auch bei Ida Ehre nicht, die zu den Verfolgten des Naziregimes gehörte. Es gibt eine fast endlose Liste von Diskriminierungen und Verfolgungen, die das Leben von Fremden, von Andersgläubigen, von Armen und vom Frauen überschatteten, und nicht einmal reiche Hamburger wie Salomon Heine oder die aus Portugal eingewanderte jüdische Familie Teixeira waren vor Angriffen sicher. Heinrich Heine schon gar nicht, und der rächte sich mit Aussagen wie diesen: „Schlechtes Leben hier. Regen, Schnee und zu viel Essen. Und ich sehr verdrießlich. Hamburg ist am Tage eine große Rechenstube und in der Nacht ein großes Bordell.“ Und doch schimmert neben seinem Spott und seiner beißenden Kritik auch immer wieder die Liebe zu dieser Stadt durch, etwa, als er die zerstörte Stadt nach dem Großen Brand von 1842 besuchte. Es war eine zu seinen Lebzeiten unerwiderte Liebe.

 Dieses Buch ist eine Einladung, Hamburg durch Porträts zu entdecken. Die 240 Porträts geben einen lebendigen Einblick, wie aus einem kleinen Dorf am Rande des Frankenreiches eine prosperierende Großstadt wurde. Ich habe sowohl bekannte Persönlichkeiten als auch „kleine Leute“ berücksichtigt. Zugleich galt es, sowohl Leidensgeschichten als auch von Humor geprägte Lebenswege einzubeziehen. Besonders für das Mittelalter war es schwierig, genügend Informationen über einzelne Frauen zu finden, um diese in lebendigen Porträts vorzustellen. Das ist ein Problem jeder Geschichtsschreibung über Hamburg, aber selbstverständlich besonders schwierig für ein Buch mit Porträts. Ich habe darauf verzichtet, diese Lücken mit romanhaften Darstellungen von Frauen zu füllen. Es wird den Leserinnen und Lesern auffallen, dass ich bei der Darstellung späterer Jahrhunderte mehr Frauen berücksichtigt habe, als dies in den meisten bisherigen Darstellungen der Hamburger Geschichte der Fall war. So sind nun fast 80 Frauen in Porträts kennenzulernen, manchmal in Doppelporträts mit ihren Ehemännern oder Lebenspartnern.

Bei der Auswahl der Porträts liegt ein Schwerpunkt auf wichtigen Wendepunkten der Hamburger Geschichte, und ich habe dazu jeweils mehrere Porträts aufgenommen. Das gilt besonders für den Weg vom Dorf zur spätmittelalterlichen Handelsmetropole, die Reformation, die Aufklärung, die Franzosenzeit, die jüdische Emanzipation, den demokratischen Aufbruch, die Umbrüche während der Weimarer Republik sowie Naziherrschaft und Widerstand. Die letzten Porträts in diesem Buch geben einen Einblick in die dramatischen Ereignisse am Ende des Zweiten Weltkriegs.

Besonders in den ersten Jahrhunderten der Hamburger Geschichte nehmen Fragen des Glaubens einen breiten Raum ein, weil die allermeisten Menschen angesichts der Sorgen und Nöte des Alltags auf ein himmlisches Paradies hofften und religiöse Konflikte um ein gottgefälliges Leben und den Weg in Gottes Reich eine existenzielle Bedeutung hatten. Die Konflikte zwischen Katholiken und Lutheranern und später zwischen orthodoxen und pietistischen Lutheranern spalteten deshalb die Stadtbevölkerung und wurden heftig ausgefochten.

Über die Jahrhunderte hinweg geht es auch immer wieder um die soziale Frage, wie Armut bekämpft und allen ein Leben in Würde ermöglicht werden kann. Bis zur Reformation hatten die Klöster eine herausragende Rolle bei der Unterstützung von Armen und Kranken. Danach waren vor allem die Kirchen und die Reichen der Stadt gefordert. Die Gläubigen füllten die „Gotteskästen“, und viele Reichen stellten mit Stiftungen die Mittel für den Bau und Unterhalt von Wohnstiften und anderen wohltätigen Einrichtungen zur Verfügung. Meist war diese Unterstützung an Bedingungen geknüpft, etwa an einen untadeligen Lebenswandel und eine unverschuldete Verarmung. Angesichts des Elends, in dem große Bevölkerungsschichten lebten, reichte diese Mildtätigkeit bei Weitem nicht aus, und der Rat der Stadt musste widerstrebend einen Beitrag dazu leisten, dass ein Waisenhaus und eine Armenanstalt gebaut und unterhalten werden konnten. Die Armen blieben dabei stets die Objekte der Unterstützung, die sich dankbar zeigen sollten und nicht mitreden durften. Das wird in einer ganzen Reihe von Porträts deutlich.

 Religiöse Minderheiten und Zugewanderte hatten meist keine Aussicht auf Unterstützung. Das erklärt, warum eine Niederländische Armen-Casse und jüdische Waisenhäuser, Armenschulen und Wohnstifte entstanden. Manche von ihnen wurden zu Vorbildern für das Bestreben, Menschen dabei zu helfen, ihre Armut zu überwinden und zu selbstbewussten Bürgerinnen und Bürgern zu werden. Auch auf vielen anderen Gebieten waren es Angehörige der jüdischen Minderheit und Zuwanderer aus anderen Ländern, die Entscheidendes zur wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Entwicklung der Stadt leisteten. Ohne ihr Engagement in und für die Stadt sähe Hamburg gänzlich anders aus. Manche der Fremden lebten nur für kurze Zeit in Hamburg und sind doch in Erinnerung geblieben – einige auch in schlechter Erinnerung wie der französische Feldmarschall Davout, der auf Befehl Napoleons die Stadt zur Festung ausbaute und dabei rücksichtslos vorging. Auch ihm ist in diesem Buch ein Porträt gewidmet.

Gleichzeitig gab es viele Hamburgerinnen und Hamburger, die freiwillig oder gezwungenermaßen die Stadt verließen, sich im Ausland eine Existenz aufbauten und dann nicht selten in die Heimat­stadt zurückgekehrt sind. Sie hatten die Malwinen (Falkland-Inseln) beherrscht, ihre abenteuerlichen Reisen durch andere Kontinente in Büchern dargestellt oder die Überfahrt nach Amerika trotz der unbeschreiblichen Zustände in den Zwischendecks der Schiffe überstanden … Grund genug, sich auch auf ihre Spuren zu begeben.

Jedes Porträt ist zwischen zwei und fünf Druckseiten lang. Das ist ein Kompromiss zwischen dem Bemühen, ein möglichst breites Spektrum von Hamburgerinnen und Hamburgern vorzustellen, und dem Versuch, diese Menschen und ihr Handeln anschaulich darzustellen. Dabei werden Menschen berücksichtigt, die im heutigen Stadtgebiet von Hamburg gelebt und gewirkt haben, also zum Beispiel auch in Wandsbek und Altona. Um einzelne Personen leichter aufzufinden, habe ich zahlreiche Querverweise eingefügt und ein alphabetisches Verzeichnis der porträtierten Personen an das Ende des Buches gestellt.

Ich habe bei allen Porträts diverse Quellen herangezogen, darunter eine große Zahl von Büchern und Buchaufsätzen. Trotz gründlicher Überprüfung sind einzelne Fehler bei den vielen Tausend Informationen nicht auszuschließen. Für entsprechende Hinweise bin ich dankbar. Mein besonderer Dank gilt Irene Idarous und Ingeborg Liebert, die mit großer Akribie Druckfehler aufgespürt und stilistische Verbesserungen angeregt haben. Den sehr schön gestalteten Buchumschlag verdanke ich Milla Kay.

 

Für mich war die Arbeit an diesem Buch eine spannende und oft auch überraschende Reise durch die Hamburger Geschichte. Ich hoffe, dass es den Leserinnen und Lesern auch so gehen wird. Wer nicht gleich 1.000 Seiten hintereinander lesen möchte, kann auch irgendwo im Buch beginnen und eine Reise kreuz und quer durch Hamburgs Geschichte unternehmen. In jedem Fall kann das Buch helfen zu verstehen, wie diese Stadt in 12 Jahrhunderten so geworden ist, wie wir sie heute kennen. Dieses Wissen kann dazu ermutigen, aus der Geschichte zu lernen und sich einzusetzen für eine liebenswerte Stadt, die alle einbezieht und allen ein Leben in einem nachhaltigen, humanen Gemeinwesen ermöglicht. 

 

Aus: Frank Kürschner-Pelkmann: Entdeckungsreise durch die Hamburger Geschichte

 

 

© Frank Kürschner-Pelkmann